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StartseiteFriedensgemeinde San José de Apartadó feiert zwanzigjähriges Jubiläum: Amnesty International gratuliert — und fordert wirksamen Schutz vor Gewalt für Mitglieder der Gemeinde

Emblem der Friedensgemeinde San José de Apartadó, gelegen im Bezirk Apartadó, Departement Antioquia, im äußersten Nordwesten von Kolumbien. © Comunidad de Paz San José de Apartadó

23.03.2017 | Nachrichten

Friedensgemeinde San José de Apartadó feiert zwanzigjähriges Bestehen

Zunahme gewaltsamer Angriffe auf Gemeindebewohner*innen in Monaten vor Jubiläum

Die Friedensgemeinde San José de Apartadó feiert heute ihr zwanzigjähriges Bestehen. Gleichzeitig haben gewaltsame Übergriffe auf ihre Bewohner*innen und Menschen, die der Gemeinde nahestehen, in den vergangenen Monaten signifikant zugenommen. Wir gratulieren allen Gemeindemitgliedern zu ihrem Jubiläum und verneigen uns vor dem Mut und der Beharrlichkeit, mit denen sie sich seit über zwei Jahrzehnten für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzen und für ihr Recht einstehen, nicht Teil des bewaffneten Konfliktes zu sein. Und wir fordern: Kolumbiens Regierung muss die Bewohner*innen von San José de Apartadó endlich wirksam schützen.

Die Friedensgemeinde San José de Apartadó existiert seit über 20 Jahren. Am 23. März 1997 hatten sich mehrere kleinbäuerliche Gruppen im Bezirk Apartadó, einem Gebiet im äußersten Nordwesten von Kolumbiens Departement Antioquia, zusammengeschlossen und allen bewaffneten Akteuren des internen bewaffneten Konflikts fortan verboten, das von ihnen bewohnte Land zu betreten — paramilitärischen Einheiten und Guerilla-Gruppen, aber auch Polizei und Militär. Seitdem verteidigen die Gemeindemitglieder unermüdlich ihr Recht, nicht in die Konflikte in Kolumbien hineingezogen zu werden.

Die Bewohner*innen von San José de Apartadó lehnen es ab, für irgendeine der Konfliktparteien Partei zu ergreifen. Sie verwehren sich dagegen, Waffen zu tragen, und irgendeine Konflikpartei weder logistisch noch mit Informationen zu unterstützen. Gleichzeitig fordern sie von allen bewaffneten Akteuren, sich von ihrem Land fernzuhalten und ihre Entscheidung zu respektieren, in keiner Weise mit ihnen kooperieren zu wollen. Waffen und sonstiges Kriegsgerät sind auf ihrem Gebiet strengstens verboten. Ihr Überleben sichern die Gemeindebewohner*innen größtenteils mit solidarischer Landwirtschaft.

Seit Gründung der Friedensgemeinde sind mehr als 300 ihrer Mitglieder ermordet worden oder gewaltsam verschwunden. Andere wurden massiv bedroht oder Opfer sexualisierter Gewalt. Die meisten Angriffe gehen dabei auf das Konto paramilitärischer Gruppen. Die überlebenden Bewohner*innen von San José de Apartadó kämpfen heute deshalb nicht nur für ihr Recht, in Frieden, geschützt und frei von Gewalt zu leben und nicht zu einem Teil des bewaffneten Konflikts gemacht zu werden. Sie fordern auch Gerechtigkeit für all die Verbrechen, die ihre Mitglieder erlitten haben.

Gewaltsame Übergriffe auf Mitglieder der Friedensgemeinde und Menschen, die ihr nahestehen, haben seit Mitte 2016 wieder signifikant zugenommen. Die Angriffe gehen dabei vor allem von paramilitärischen Gruppen aus. So berichteten Gemeindemitglieder zuletzt, dass dutzende, schwerbewaffnete Unbekannte wiederholt in mehrere Siedlungen in San José de Apartadó eingedrungen waren. Sie durchsuchten dort gezielt Häuser nach bestimmten Personen, drohten Anwesenden mit dem Tode und hielten auch mehrfach verschiedene Dorfbewohner*innen mit Waffengewalt fest. Die Männer waren teilweise vermummt, in militärähnliche Uniformen gekleidet und mit moderner Kommunikationstechnik ausgerüstet. Sie gaben an, Mitglieder der paramilitärischen „Gaitanistischen Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens“ (Autodefensas Gaitanistas de Colombia, AGC) zu sein, und von örtlichen staatlichen Sicherheitskräfte die Genehmigung erhalten zu haben, die Kontrolle über die Region auszuüben. Bei einem der Überfälle auf San José de Apartadó am 23. Januar 2017 vergewaltigte einer der Männer Zeugenberichten zufolge ein 14-jähriges Mädchen im Weiler La Hoz.

20 Jahre Einsatz für Menschenrechte und Gerechtigkeit: Die Friedensgemeinde San José de Apartadó feiert Jubiläum. Sie steht beispielhaft auch für ein anderes Kolumbien in Frieden, Gewaltlosigkeit und solidarischem Miteinander. © Amnesty International

20 Jahre Engagement für Frieden, Menschenrechte und Gerechtigkeit: Wir gratulieren San José de Apartadó!

Amnesty International unterstützt die Friedensgemeinde San José de Apartadó seit vielen Jahren in ihrem Engagement für Menschenrechte und Gerechtigkeit. Zu ihrem heutigen Jubiläum gratulieren wir der Gemeinde und all ihren Mitgliedern deshalb ganz herzlich und verneigen uns vor ihrem Mut und ihrer Beharrlichkeit, mit denen sie seit über zwei Jahrzehnten ihr Recht verteidigen, nicht Teil des bewaffneten Konfliktes zu sein. Das bis heute ungebrochene Engagement der Menschen in San José de Apartadó für Gewaltlosigkeit und ein solidarisches Miteinander steht auch beispielhaft dafür, wie ein anderes Kolumbien in Frieden aussehen kann.

Kolumbiens Behörden fordern wir auf, die sich derzeit wieder häufenden Angriffe auf die Friedensgemeinde endlich zu unterbinden und ihre Mitglieder wirksam vor Gewalt zu schützen — in Abstimmung mit den Gemeindebewohner*innen und in striktem Einvernehmen mit ihren Forderungen und Bedürfnissen. Wir fordern außerdem, all die Menschenrechtsverletzungen, die die Bewohner*innen von San José de Apartadó erlitten haben, vollumfänglich und unparteiisch zu untersuchen, die Ergebnisse dieser Untersuchungen öffentlich zu machen und die für die Angriffe verantwortlichen Täter*innen und ihre Hinterleute in fairen Verfahren vor zivilen Gerichten vollständig zur Rechenschaft zu ziehen.




HINTERGRUNDINFORMATIONEN


  • Pressemitteilung zum zwanzigjährigen Bestehen der Friedensgemeinde San José de Apartadó (März 2017, Amnesty International)
  • Zeitstrahl zur Geschichte der Friedensgemeinde San José de Apartadó (März 2017, Amnesty International)
  • Pressemitteilung zur Vertreibung von fast 400 Personen im Nordwesten Kolumbiens und der dort insgesamt wachsenden Präsenz paramilitärischer Gruppen (März 2017, Amnesty International)
  • Eilaktion zur Vertreibung von fast 400 Personen im Nordwesten Kolumbiens (März 2017, Amnesty International)
  • Eilaktion zu Übergriffen bewaffneter Gruppen auf Bewohner*innen der Friedensgemeinde San José de Apartadó (Februar 2017, Amnesty International)
  • Eilaktion zu Übergriffen bewaffneter Gruppen auf Bewohner*innen der Friedensgemeinde San José de Apartadó (Januar 2017, Amnesty International)
  • Eilaktion zu Übergriffen bewaffneter Gruppen auf Bewohner*innen der Friedensgemeinde San José de Apartadó (Oktober 2016, Amnesty International)