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Zwischen den Fronten – Gewalt gegen Frauen in Kolumbiens bewaffnetem Konflikt

Bericht zu Straflosigkeit in Fällen sexueller Gewalt gegen Frauen

Amnesty International veröffentlichte im September 2011 einen aktuellen Bericht zu Straflosigkeit bei sexueller Gewalt im bewaffneten Konflikt. Der Bericht zeigt auf, wie die kolumbianische Regierung den überlebenden Opfern sexueller Gewalt ihr Rechte und Unterstützung verweigert und daran scheitert die gravierende Straflosigkeit zu bekämpfen.

neu Aktualisierung des Berichts Oktober 2012:

Der Bericht ist derzeit als .pdf auf Englisch und Spanisch verfügbar.

neu Die deutsche Übersetzung des Berichts finden Sie hier.

Englische Pressemitteilung vom 21. September 2011

Englischsprachige Zusammenfassung des Berichts

Englischsprachiger Bericht als .pdf 'This is what we demand. Justice!' Impunity for Sexual Violence Against Women in Colombia's Armed Conflict

Bericht in Spanischer Sprache als .pdf

Die meisten Opfer des bewaffneten Konflikts in Kolumbien sind Zivilisten. Dies ist kein Zufall, sondern Methode. Durch gezielte Angriffe gegen die Zivilbevölkerung beabsichtigen die Konfliktparteien, vermeintliche Sympathisanten des Feindes auszuschalten oder einzuschüchtern, strategisch oder wirtschaftlich wichtige Gebiete zu kontrollieren und die dort ansässige Bevölkerung gefügig zu machen oder zu vertreiben. Als ein Mittel wird Gewalt gegen Frauen eingesetzt. Dies geschieht, obwohl in den bewaffneten Gruppen auch viele Frauen kämpfen. Denn auch die Kombattantinnen sind nicht vor Übergriffen und Missbrauch aus den eigenen Reihen geschützt.

Sexuelle Gewalt – der weibliche Körper als militärisches Ziel Gewalt gegen Frauen ist in umkämpften Gebieten besonders verbreitet. Geschlechtsspezifische Gewalt ist dabei keine reine Begleiterscheinung, sondern wird von allen Kriegsparteien als Mittel des Krieges eingesetzt. Häufig gelten Frauen als Kriegsbeute oder werden dazu benutzt, um den Feind zu demütigen. Damit werden nicht nur die Frauen selbst, sondern gleichzeitig deren Partner und Angehörige getroffen. Dies kann Familien und soziale Strukturen zerstören.

Angehörige der Sicherheitskräfte und paramilitärischer Gruppierungen nutzen sexuelle Gewalt, um die Zivilbevölkerung in umkämpften Gebieten einzuschüchtern und tatsächliche oder vermeintliche Kollaboration mit den bewaffneten Oppositionsgruppen zu unterbinden. Häufig werden vergewaltigte Mädchen und Frauen bezichtigt, mit einem Guerillakämpfer liiert zu sein. Auch die bewaffneten Oppositionsgruppen gehen auf diese Weise gegen Verwandte oder Partnerinnen von Angehörigen der staatlichen Sicherheitskräfte vor. Ebenso werden Frauen drangsaliert, die ihre Partner oder Kinder vor gewaltsamer Rekrutierung zu schützen versuchen. Aussagen ehemaliger Geiseln ist zu entnehmen, dass auch von der FARC entführte Frauen in großer Gefahr sind, sexuell missbraucht zu werden. Sowohl paramilitärische Gruppen, als auch Guerillagruppen entführen gelegentlich Mädchen und junge Frauen, die dann als Sexsklavinnen für ihre Kommandanten dienen. Von sexuellen Übergriffen sind insbesondere Afro-Kolumbianerinnen, indigene Frauen, Binnenflüchtlinge und Bewohnerinnen ländlicher Gegenden, armer Gemeinden und den Elendsvierteln an den Rändern der Großstädte betroffen. Weiterhin werden Frauen, die sich zivilgesellschaftlich engagieren und für die Menschenrechte einsetzen, für ihre Arbeit bestraft und eingeschüchtert. Auch hierbei dient sexuelle Gewalt als Mittel zum Zweck. Häufig sind es diese engagierten Frauen, die zuerst mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit gehen und die Täter anklagen.

Soziale Kontrolle Oft versuchen insbesondere paramilitärische Gruppierungen, aber auch Oppositionsgruppen, in den von ihnen kontrollierten Gebieten ihre zumeist konservativen, von festen Rollenbildern geprägten Wertvorstellungen durchzusetzen. Dabei werden vor allem Frauen Verbote und Vorschriften, wie etwa Ausgangssperren oder Kleidervorschriften auferlegt. Die soziale Kontrolle reicht hin bis zur Einmischung in familiäre und innergemeindliche Angelegenheiten. Frauen, die nicht nach den traditionellen Geschlechterrollen leben oder die ihnen auferlegten Vorschriften missachten, müssen damit rechnen, durch Vergewaltigung, Verstümmelung oder Auspeitschen gedemütigt und bestraft zu werden. Aufgrund der traditionell-konservativen Werte werden auch Homosexuelle, Prostituierte und vermeintlich HIV-Infizierte Opfer von Übergriffen und „sozialen Säuberungen“, d.h. sie werden beschimpft, körperlich angegriffen, verstümmelt oder sogar getötet.

Kombattantinnen in den bewaffneten Oppositionsgruppen In den Reihen der bewaffneten Oppositionsgruppen kämpfen viele Mädchen und Frauen; der Frauenanteil liegt bei etwa 40 Prozent. Zum Teil sind sie freiwillig beigetreten, teilweise werden sie gewaltsam rekrutiert. Bei vielen Mädchen geschieht dies bereits im Kindesalter. Die Kombattantinnen in den Guerillagruppen werden zur Empfängnisverhütung oder Abtreibung gezwungen. Dies erfolgt meist unter katastrophalen hygienischen und medizinischen Bedingungen durch Angehörige der Oppositionsgruppen selbst, welche selten eine ärztliche Ausbildung genossen haben. Häufig werden die Kämpferinnen von ihrem Kommandanten sexuell missbraucht und drangsaliert.

Häusliche Gewalt Neben konfliktspezifischen Problemen gehören auch häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch in der Familie in Kolumbien zum Alltag. Diese Delikte werden nur in Ausnahmefällen zur Anzeige gebracht. Das Familienleben in Kolumbien ist, insbesondere in ländlichen Gegenden, häufig noch stark patriarchalisch geprägt. Häusliche Gewalt wird zumeist als reine Familienangelegenheit betrachtet, in die sich weder die staatlichen Behörden noch das soziale Umfeld einmischen. Damit finden betroffene Mädchen und Frauen in ihrem Umfeld selten Unterstützung. Mädchen mit derartigem familiärem Hintergrund lassen sich häufig leicht von bewaffneten Gruppen rekrutieren. Viele aktive und ehemalige Kombattantinnen sagen aus, sie seien zu Hause von Angehörigen oder Nachbarn missbraucht worden. Für sie war die Rekrutierung vor allem ein Ausbruch aus der familiären Hölle. Welches Leben sie dort erwartet, war den Wenigsten bewusst.

Straffreiheit und Konsequenzen Gewalt ist in Kolumbien allgegenwärtig und nimmt in den Medien großen Raum ein. Dagegen wird Gewalt gegen Frauen von der Öffentlichkeit ausgeblendet. Die sozialen Folgen geschlechtsspezifischer Verbrechen werden sowohl vom Staat als auch von der breiten Öffentlichkeit ignoriert. Zudem verstärkt die enorm hohe Straflosigkeit in Kolumbien das Problem der geschlechtsspezifischen Gewalt. Bei Übergriffen von Angehörigen der Sicherheitskräfte und paramilitärischer Gruppen ist die Straffreiheit Bestandteil der Methode, um die Zivilbevölkerung einzuschüchtern. Ermittlungen werden nur selten und dann mit geringen Erfolgsaussichten durchgeführt. Auch in allen anderen Fällen müssen die Täter nur in Ausnahmefälle mit Konsequenzen rechnen. Die überlebenden Opfer sexueller Gewalt hingegen müssen zudem noch befürchten, von ihrer Familie verstoßen oder von der Gemeinde stigmatisiert zu werden. Das Perfide der geschlechtsspezifischen Gewalt ist, dass sie Schande über das Opfer und nicht über die Täter bringt. Auch deshalb werden solche Delikte kaum angezeigt. Wer sich dennoch an die staatlichen Behörden wendet, muss dort mit weiteren Erniedrigungen und teilweise mit Anschuldigungen rechnen. Zudem werden bei vielen Massakern, welche von paramilitärischen Gruppen verübt werden, die Mädchen und Frauen zunächst sexuell missbraucht und dann getötet. Registriert wird meist nur der Mord. Die von Gewaltkonflikten geprägte, patriarchalische Gesellschaft und das nicht funktionierende, ebenfalls von Männern dominierte Rechtssystem Kolumbiens sorgen dafür, dass Gewalt gegen Mädchen und Frauen tagtäglich und dennoch nahezu unsichtbar ist. Darüber hinaus fehlt es an einer angemessenen medizinischen Versorgung der überlebenden Opfer.

Mitarbeiter/innen von amnesty international haben in den Jahren 2003 und 2004 erschreckende Zeugnisse in Kolumbien gesammelt. Im Bericht (2004) „Kolumbien: Zwischen allen Fronten - sexuelle Gewalt gegen Frauen im bewaffneten Konflikt“ sind die Ergebnisse dieser Recherchen dargelegt.

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