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Interne Vertreibung in Kolumbiens bewaffneten Konflikt

Sie fliehen um ihr Leben

Die Vertriebenenrate in Kolumbien zählt im weltweiten Vergleich zu den höchsten: Jedes Jahr steigt die große Gruppe Binnenvertriebener in Kolumbien um weitere hunderttausende Frauen, Männer und Kinder an. Zwischen drei und vier Millionen Menschen wurden bisher gezwungen ihre Heimat zu verlassen und anderswo im Land Zuflucht zu suchen; von weiteren 500.000 wird vermutet, dass sie in Nachbarländer geflohen sind.

Der anhaltende bewaffnete Konflikt in Kolumbien ist der Hauptgrund für interne Vertreibungen. Auch wenn die kolumbianische Regierung wiederholt behauptet, es gäbe keinen internen bewaffneten Konflikt, so straft die anhaltende Massenvertreibung von Gemeinden diese Behauptung Lüge.

Allein 2008 wurden, der kolumbianischen Menschenrechtsorganisation CODHES (Consultoría para los Derechos Humanos y el Desplazamiento, Beratungsstelle für Menschenrechte und Vertreibung) zufolge, über 380.000 Menschen dazu gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Im Vergleich zu 2007 bedeutet das einen Anstieg von über 24 Prozent: Das lässt sich vor allem auf die intensiven Kämpfe zwischen staatlichen Sicherheitskräften und Guerillagruppierungen im Süden des Landes zurückführen.

Die Aufstandsbekämpfungsstrategie der staatlichen Sicherheitskräfte basiert auf der Annahme, dass all diejenigen, die in umkämpften Gebieten leben, zum Gegner gehören. Die Gemeinden in diesen strategisch wichtigen Gegenden, häufig indigene oder afrokolumbianische Gemeinden, werden als „Sympathisanten“ der Guerilla verunglimpft, und mit ihnen Menschenrechtsverteidiger, Gewerkschafter und Kleinbauern. Auch Guerilla und Paramilitärs sehen Gemeinden in den Konfliktgegenden entweder als ihre Verbündete oder ihre Feinde an und verletzen somit immer wieder das Recht der Zivilbevölkerung, nicht in den Konflikt hineingezogen zu werden. Fluchtursachen sind die aus den Kämpfen folgenden Menschenrechtsverletzungen: Verschwindenlassen, Morde, Entführungen, Folter, der Einsatz von Kindersoldaten sowie die weit verbreitete sexuelle Gewalt hauptsächlich gegen Frauen und Mädchen.

Das Trauma der Flucht

Gemeinsam ist allen vertriebenen Familien und Gemeinden, dass sie sehr plötzlich fliehen müssen, oft in Situationen, in denen Leib und Leben bedroht sind. Einige werden von ihrer Familie oder Gemeinde getrennt; die meisten werden zum Fliehen gezwungen ohne mehr mitzunehmen als das, was sie tragen können. Die Vertriebenen sehen sich oft akuten wirtschaftlichen und sozialen Problemen gegenüber. Hinzu kommt die Stigmatisierung durch lokale und regionale Behördenvertreter. Die Feindseligkeit, mit der vertriebenen Gemeinden häufig begegnet wird, kann sie davon abhalten zu gestehen, dass sie durch Drohungen und Gewalt vertrieben wurden. Dies wiederum kann ihnen Zugang zu der wenigen Hilfe verwehren, die Vertriebenen von Seiten der Behörden zur Verfügung stehen.

Eine Frage von Land und Bodenschätzen

Ein Großteil des von Paramilitärs und ihren Hintermännern angehäuften Reichtums basiert auf der Aneignung – oder vielmehr Entwendung – von Land durch Gewalt oder die Androhung von Gewalt. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen vier und sechs Hektar Land im Besitz Tausender Bauern oder im Gemeinschaftsbesitz indigener Völker und afrokolumbianischer Gemeinden auf diese Art und Weise gestohlen wurden.

Paramilitärische Gruppierungen sind seit 2003 in einen sogenannten Demobilisierungsprozess eingebunden, der von der Regierung finanziert wird. Der gesetzliche Rahmen, vor allem das Gesetz für Gerechtigkeit und Frieden, gibt vor, dass die Mitglieder paramilitärischer Gruppierungen, die sich für die im Gesetz festgeschrieben Vorzüge qualifizieren wollen, an speziellen Anhörungen teilnehmen müssen, in denen sie Details zu begangenen Menschenrechtsverletzungen offen legen. Amnesty International hat wiederholt auf die Mängel dieses Verfahrens hingewiesen. Mehr als sechs Jahre später operieren paramilitärische Gruppierungen nach wie vor. Ihren Opfern wird bis heute Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung verwehrt.

Neben der Offenlegung von begangenen Menschenrechtsverletzungen haben sich paramilitärische Führer dazu verpflichtet, alles widerrechtlich angeeignete Land oder Vermögen an die rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Dies ist bisher jedoch nur äußerst selten geschehen: Ein Großteil des Landes wurde an Dritte, sogenannte „testaferros“, weitergegeben, oft enge Familienmitglieder oder Freunde von Paramilitärs. Dies schützt Paramilitärs und ihre Hintermänner in Wirtschaft und Politik tatsächlich vor einer genaueren Überprüfung der Frage, wie das Land erworben wurde. Auch wenn im Rahmen dieses Prozesses Maßnahmen ergriffen wurden, um einigen Opfern von Menschenrechtsverstößen begrenzte finanzielle Entschädigung zu gewähren, ist dies doch für die Menschen größtenteils bedeutungslos, für die gerade ihr Land für ihre Existenz und Lebensweise zentral ist.

Indigene Dörfer und afro-kolumbianische Gemeinden

Indigene, afrokolumbianische und Kleinbauerngemeinden machen einen überproportionalen Anteil der intern Vertriebenen aus. Das Trauma der Vertreibung ist für sie besonders akut, da ihre Identität und Existenz aufs engste mit ihrem Land verbunden sind, auf dem sie leben und arbeiten. Viele indigene Gemeinden, die aus ihren angestammten Gebieten vertrieben wurden, haben sich in abgelegene Regionen oder entfernte städtische Gebiete zurückgezogen. Sie müssen befürchten, nie wieder nachhause zurückkehren zu können. Gerade die indigenen und afrokolumbianischen Gemeinden in Kolumbien leben häufig in Gegenden, in denen der Konflikt besonders heftig tobt, und die besonders reich sind an Biodiversität, Mineralien und Öl – Gegenden also, die für große Wirtschaftsprojekte vorgesehen sind. Aus diesem Grund sind die genannten Gemeinden einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, vertrieben zu werden. Im Januar 2009 verabschiedete das kolumbianische Verfassungsgericht eine Resolution zu den Rechten indigener Gemeinden, die infolge des Konflikts vertrieben wurden. Die Resolution bringt explizit das Aussterben indigener Völker mit der gewaltsamen internen Vertreibung in Zusammenhang. Sie fordert die Regierung eindringlich dazu auf, die Vertreibungen zu unterbinden und dabei den vertriebenen indigenen Gemeinden besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Resolution kritisiert zudem die zugrunde liegende Diskriminierung und Ausgrenzung der Indigenen, die garantiert, dass die Übergriffe gegen indigenen Gemeinden außerhalb der politischen Agenda bleiben: „Die indigenen Gruppen Kolumbiens sind in besonderem Maße hilflos und dem bewaffneten Konflikt und seinen Konsequenzen, vor allem der internen Vertreibung, ausgeliefert. Sie müssen nicht nur die inhärenten Gefahren der Konfrontation aushalten, sondern leben darüber hinaus in einer vorexistentiellen strukturellen Situation der extremen Armut sowie ohne Unterstützung oder Anerkennung durch die Behörden. Diese Situation wirkt wie ein verstärkender Faktor der individuellen und kollektiven Menschenrechtsverletzungen, die das Eindringen des bewaffneten Konflikts in ihre angestammten Gebiete bedeutet hat.“

Angesichts andauernder Gewalt und Vertreibungen klingen die Behauptungen der kolumbianischen Regierung, dass die Auswirkungen des internen bewaffneten Konflikts abflauen, leer und hohl. Während die Regierung dabei versagt, die ganz realen Auswirkungen des fortwährenden Konflikts anzuerkennen, hat der Menschenrechtsschutz von Millionen Vertriebener nur eine sehr geringe Chance. Amnesty International fordert alle Konfliktparteien dazu auf, den Verstößen ein Ende zu bereiten, die die Menschen dazu zwingen, ihr Zuhause zu verlassen, und die Gemeinden unter Beschuss in ihrem Kampf für Frieden und Sicherheit zu unterstützen sowie ihre Art zu leben anzuerkennen und zu schützen.

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